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Enrichment für Pferde: denken, schnuppern, entdecken

  • Haltung

Zucchininudeln in der Totholzhecke, Duftsäckchen im Stall oder ein selbstgebautes Futterrätsel – das klingt auf den ersten Blick vielleicht verspielt. Tatsächlich steckt dahinter ein wirkungsvolles Prinzip für mehr Lebensqualität im Alltag unserer Pferde.

Was in Zoos längst selbstverständlich ist, hält zum Glück auch in der Pferdewelt mehr und mehr Einzug: Enrichment – die gezielte, wohlüberlegte Bereicherung der Umgebung. Es geht dabei darum, Pferden die Möglichkeit zu geben, natürliches Verhalten auszuleben, ihre Umwelt zu erkunden und selbst Entscheidungen zu treffen.

Was bedeutet Enrichment überhaupt?

Der Begriff „Enrichment“ kommt aus dem Englischen und bedeutet so viel wie „Bereicherung“. Gemeint ist damit die bewusste Gestaltung der Lebensumgebung von Tieren, sodass sie interessanter, abwechslungsreicher und näher an ihren natürlichen Bedürfnissen orientiert ist.

Statt Futter jeden Tag an derselben Stelle präsentiert zu bekommen, darf ein Pferd danach suchen, sich dafür bewegen oder eine kleine Aufgabe lösen. Es begegnet neuen Gerüchen, verschiedenen Untergründen, ungewohnten Materialien – und kann selbst entscheiden, ob es sich damit auseinandersetzen möchte. Es geht um Wahlmöglichkeiten, um kleine Herausforderungen, um das, was Pferde im natürlichen Umfeld ohnehin tun würden – nur eben integriert in den Lebensraum.

Warum Enrichment so wichtig ist

Auch in gut durchdachten Haltungsformen bleibt für viele Pferde ein Großteil des Tages wenig abwechslungsreich. Die Fütterung erfolgt oft routiniert, Bewegungsmöglichkeiten sind begrenzt, Sinnesreize selten. Alle Pferde profitieren davon, wenn wir ihnen kleine Aufgaben, neue Erfahrungen oder vielseitige Impulse anbieten – unabhängig von Temperament, Alter oder Vorerfahrung.

Ein Pferd, das im Alltag regelmäßig kognitiv herausgefordert wird, bringt oft mehr Konzentration, Neugier und Kreativität ins Training mit – und ist dadurch auch mental belastbarer. In besonderen Situationen – wie etwa bei Boxenruhe – kann Enrichment zudem helfen, Stress und Frust zu reduzieren und die Regeneration zu unterstützen.

Fünf Bereiche für mehr Pferdewohl

Enrichment kann sich an fünf Bereichen orientieren, die sich in der Praxis oft sinnvoll kombinieren lassen:

Füttern mit Köpfchen
Futter wird nicht einfach in die Raufe gelegt, sondern versteckt, verteilt oder in ein selbstgebautes Futterspielzeug integriert.

Sinnesanregung
Duftsäckchen im Stall, in der Totholzhecke oder entlang des Trails verteilt, regen die Wahrnehmung an.

Bewegung mit Struktur
Unterschiedliche Untergründe wie Rundkies, eine alte Türmatte oder ein dicker Ast fördern Trittsicherheit und Körpergefühl.

Kognitive Förderung
Medical Training zur stressfreien Vorbereitung für die tägliche Pflege und den nächsten Termin bei Tierärzt:innen.

Soziale Impulse
Auch eine sichere Begegnung mit anderen Tieren kann eine Bereicherung sein. Gerade bei Stallwechseln oder neuen Herdenkonstellationen lohnt es sich, die sozialen Bedürfnisse besonders im Blick zu behalten.

Sicherheit und Achtsamkeit

So wertvoll Enrichment ist – es lohnt sich, jedes neue Angebot mit wachsamen Augen zu begleiten. Wichtig ist, genau hinzuschauen: Zeigt das Pferd Interesse? Oder wirkt es unsicher oder meidet den Bereich? Eine gute Orientierung bieten dabei die Bedürfnisse des einzelnen Tieres – Alter, Gesundheitszustand oder individuelle Vorlieben können Hinweise geben, was sinnvoll und zielführend ist. Mit Enrichment lassen sich außerdem unterschiedliche Ziele verfolgen – etwa Entspannung, Aktivierung oder gezielte Förderung bestimmter Fähigkeiten.

Enrichment darf keine Verletzungsgefahr bergen. Materialien sollten stabil, ungiftig und gut befestigt sein. Lose Schrauben, Haken oder harte Kanten haben im Stall nichts verloren. Auch Futterangebote müssen durchdacht sein – besonders bei kleingeschnittenem Obst oder ungewöhnlichen Materialien können Gefahren bestehen.

Und: Enrichment sollte niemals so platziert werden, dass das Pferd gezwungen ist, daran vorbei oder darüber hinweg zu gehen, um an Futter, Wasser oder Ruheorte zu gelangen. Es geht um Wahlmöglichkeiten – nicht um Druck oder Zwang.

Enrichment ist individuell

Viele Pferdebesitzer:innen berichten, dass der neue Futterball nach kurzer Zeit uninteressant wurde. Das ist nicht verwunderlich: Reize, die dauerhaft zur Verfügung stehen, werden ausgeblendet. Abwechslung ist das Zauberwort. Welche Orte möchte ich attraktiver machen? Was braucht mein Pferd? Und welche Angebote wecken tatsächlich Interesse? Gezielt eingesetzte, wechselnde Impulse sind hier der Schlüssel.

Enrichment im Training

Wir nutzen Enrichment nicht nur im Stall, sondern auch im Training – vor allem bei herausforderndem Verhalten. Dabei haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht, Stress gezielt abzubauen und Pferden zu helfen, in schwierigen Situationen besser zurechtzukommen.

Durch kleinschrittige Herangehensweise und individuell angepasste Reize können Pferde:

  • mehr Anpassungsfähigkeit entwickeln
  • eigene Lösungsstrategien entdecken
  • entspannter, aufmerksamer und motivierter werden

Gerade beim Training über positive Verstärkung lassen sich Enrichment-Elemente wunderbar integrieren. Es stärkt die Beziehung, das Selbstvertrauen und die Lust am Lernen.

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