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Pferdetraining im Winter – 3 x 3 praktische Übungen für Kopf, Körper und Koordination

  • Training

💡 Dies ist Teil 2 unserer Serie „Pferdetraining im Winter“; hast du Teil 1 zu Pferdetraining in der dunklen Jahreszeit schon gelesen?

Weniger Raum, mehr Wirkung

Im Winter sind unsere Möglichkeiten oft begrenzt – räumlich wie zeitlich. Genau darin liegt aber auch eine große Chance: Training wird klarer, bewusster und oft deutlich wirkungsvoller.

Statt „mehr machen“ geht es eher darum, passend zu arbeiten.

3 x Achtsames Aufwärmen & Selbstwahrnehmung

Die dunkle Jahreszeit ist der perfekte Moment, um eine feinere Kommunikation zu leben und gerade der Qualität mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Nebenbei wird das Pferd sinnvoll gymnastiziert – ohne den Anspruch, „groß“ arbeiten zu müssen oder dem schlechten Gewissen nichts Wertvolles getan zu haben.

1. Sanft ankommen – körperlich und mental

Ein gutes Wintertraining beginnt ruhig. Ein paar Minuten im Schritt an der Hand helfen, Gelenke zu mobilisieren und die Atmung zu vertiefen – das ist gerade bei sehr kalten Temperaturen wichtig.

Übergänge zwischen Anhalten und Angehen lassen oder kleine Tempiwechsel stimmen euch aufeinander ein. Dabei lässt sich gut auf geschmeidige Körpersprache auf beiden Körperseiten, die bewusste Position zueinander und das Verfeinern des gemeinsamen Dialogs achtgeben.

2. Die eigene Wahrnehmung schulen

Der Winter ist ideal, um dich selbst zu beobachten. Solche und ähnliche Fragen sind kein Beiwerk – sie sind Training:

  • Wie gleichmäßig bewege ich mich links und rechts und tun mir diese Bewegungen auch gut?
  • Was verrät mir die Lage meiner Oberschenkel, Knie und Waden wenn ich im Sattel sitze?
  • Wie fühlt sich mein Fuß beim Abrollen am Boden oder mit Kontakt zum Steigbügel an?
  • Nehme ich meine Atmung bewusst wahr und kann sie „leiten“?
  • Wo überall entsteht Bewegung rund um meine Schulterblätter – beim Führen, Longieren, Reiten?

3. Genauigkeit für Gymnastik, Struktur & Ruhe

Klassische Hufschlagfiguren sehr exakt auszuführen – vom Einfachen zum Komplexeren – bringt Struktur, Klarheit und eine gewisse meditative Ruhe. Sehr bewusst ausgeführte Handwechsel, ruhig und gleichmäßig durchschrittene Ecken oder das Arbeiten am zweiten bzw. dritten Hufschlag fördern Balance und Aufmerksamkeit.

Ist wenig Platz vorhanden, können auch hier Schritt–Halt–Schritt-Übergänge wahre Wunder wirken: erst geradeaus, später gebogen oder innerhalb von Wendungen. Achte auf die gemeinsame Balancierfähigkeit, etwaige Ausweichbewegungen und immer feinere Hilfengebung.

3 x Kreative Kopfauslastung im Winter

Neben vielfältigen Enrichment Möglichkeiten können mentale Aufgaben Leichtigkeit in dunkle Tage bringen und dabei oft auch eine gute Portion Energie verbrauchen! Außerdem gibt es uns viele Möglichkeiten an die Hand unsere Vierbeiner auf begrenztem Raum sinnvoll zu trainieren.

1. Targettraining – vielseitig & verbindend

Targettraining (Target = engl. für Ziel/Zielscheibe) basiert auf dem Prinzip der positiven Verstärkung. Grundlage hierfür sollte immer ein gewisses Höflichkeitstraining bilden. Beim Targettraining geht es darum, dass das Pferd einen bestimmten Gegenstand berührt oder sich gezielt darauf zubewegt. Sei es, dass das Pferd etwas mit der Nase berührt, mit den Hufen auf eine Matte steigt oder einem Target in den Hänger folgt – es gibt wirklich unzählige Möglichkeiten, was damit alles erarbeitet werden kann.

Viele Pferdebesitzer: innen beginnen mit dem Nasentarget, also dem Anstupsen eines Gegenstandes wie einer Fliegenklatsche oder einem sogenannten Targetstick. Manche nehmen auch die ausgestreckte Hand oder Faust. Ich nutze anfangs etwas lieber abstrakte Gegenstände, die außerhalb des gemeinsamen Trainings (noch) keine weitere Bedeutung für das Pferd haben, damit es im Alltag nicht zu blöden Momenten kommt.  Am besten, du überlegst, was für dich und dein Pferd förderlich sein kann und schaust dich mal um, welche Form des Targettrainings für euch spannend wäre.

Die Arbeit mit Targets kann als reiner Zeitvertreib, zur gezielten Gymnastik oder auch eine Form der Freiarbeit bis hin zum Reiten kultiviert werden. Unabhängig vom individuellen Ziel, achte darauf, dass du es deinem Pferd einfach machen möchtest und die Anforderungen sich mit der Zeit steigern können – aber nicht müssen!

2. Nasenarbeit & Scent Work

Scent Work (Geruchsarbeit) bzw. Nasenarbeit ist vielen ein Begriff vom Hundetraining. Allerdings können wir unsere Pferde ebenso mit dieser spannenden Arbeit des Riechorgans sinnvoll beschäftigen.

Was vielen Pferdemenschen nicht bewusst ist, ist, dass Pferde eine ausgezeichnete Geruchserkennung und sogar mehr Geruchsrezeptoren als Hunde haben!
Deswegen können sich Schnüffeln und somit auch die gezielte Arbeit mit dem Geruchssinn sehr positiv auf unsere Pferde auswirken und gemütsaufhellend wirken. Die Nasenarbeit kann sogar gezielt für Spannungsabbau und zur Stressreduktion eingesetzt werden – sofern sorgsam aufgebaut.

Der wohl einfachste Weg das Pferd mit der Nase „denken“ zu lassen ist es, in ruhiger Atmosphäre ein paar bekannte Leckereien auf dem Boden zu verstreuen und dem Pferd ein eindeutiges Signal zur Futtersuche zu geben. Du wärst überrascht, wie viele Pferde das Leckerli zwar aus der Hand auf Bodenhöhe nehmen aber einfach nicht auf die Idee kommen, direkt am Boden danach zu suchen!
Wenn das Pferd das Prinzip Boden + Signal = Fressen bereits verinnerlicht hat, kannst du die Futterstücke auch mit etwas Abstand zueinander verteilen und mit der Zeit sogar auf dem Auslauf verstecken.

Sollte das doch zu einfach sein, gibt es die Möglichkeit sich simple Schnüffelkisten zu basteln oder auch speziell angefertigte Schnüffelmatten oder Scent-Pouches für gezielte Fährtenarbeit zu besorgen.

3. Farbdiskriminierung – intensives Tüfteln

Das Ziel hierbei ist es, dass das Pferd zwei oder mit der Zeit mehrere Farben klar voneinander unterscheiden und anzeigen kann. Also zum Beispiel, wenn „blau“ gefragt ist, es eindeutig den blauen anstatt dem weißen Futterkübeldeckel anstupst. Mit der Zeit kann dieses Konzept sogar „größer“ angewandt werden, also auf unterschiedliche Gegenstände mit der Farbe Blau.

Allerdings wird das Ganze nicht von heute auf morgen erarbeitet und der Trainingsaufbau sollte hierbei sehr genau und klar durchdacht sein. Diese Trainingsform eignet sich hervorragend für wenig Platz ist aber nix für schnell mal zwischendurch.

Solch intensive kognitive Leistung verbraucht übrigens sehr viel Hirnschmalz – also eben auch Energie! Das kann sich bei Bewegungsmangel durchaus positiv auswirken, eignet sich hervorragend für konzentrierte Kopfarbeit auf kleinem Raum, kann aber schnell müde machen.
Es empfiehlt sich daher in sehr kurzen Reprisen zu arbeiten und Pausen einzubauen.

Das Ganze ist also schon deutlich kniffliger und nicht unbedingt für absolute Clicker-Anfänger: innen, da es hierbei sehr stark um die Signalkontrolle und eben dann auch um Generalisierung geht.

3 x Kraft, Balance & Koordination gezielt fördern

Das macht nicht nur Spaß – es stärkt neben der verbesserten körperlichen Wahrnehmung und Ansteuerung auch das gegenseitige Vertrauen und gibt deinem Pferd auch die Möglichkeit, mitzudenken statt nur zu „tun“. Genau dieser Perspektivwechsel schafft echte Partnerschaft – und kann nebenbei super genutzt werden wichtige Basisskills zu stärken.
Vieles davon ist auch sehr aktives Körpermittentraining, trägt zum Muskelerhalt bei und ergänzt somit das oft gewünschte „gesunderhaltend Trainieren“.

1. Wippentraining – Schaukeln für eine starke Mitte

Was früher oft als Zirkusnummer belächelt wurde, erfreut sich immer mehr Beliebtheit und Beachtung im Bereich der Freizeitreiter: innen – zu Recht würde ich sagen! Es handelt sich um das Wippentraining.

Im WWW lassen sich erprobte Wippenmodelle käuflich erwerben aber auch Anleitungen zum Bau sind dort zu finden (zum Beispiel hier: Wippen-Selbstbauplan, inkl. Kosten). Man unterscheidet zwischen Zweibeinwippen, Ganzkörperwippen oder Mehrpferdewippen, die Namen weisen bereits auf die gedachte Nutzung hin.

Die positiven Trainingseffekte von Wippentraining, speziell mit guten Ganzkörperwippen sind nicht von der Hand zu weisen, erfordern jedoch eine kleinschrittige Herangehensweise. Ich empfehle zuerst das gezielte Betreten einer klar sichtbaren Oberfläche wie beispielsweise einem Teppich oder einer mit Pylonen abgegrenzten Fläche mit ähnlicher Größe. Wenn das Pferd geordnet warten kann, den Teppich auf ein Signal mit allen vier Hufen betritt, ruhig darauf steht und ebenso auf ein Signal wieder heruntersteigt ist es gut für die Arbeit mit wackeligem Untergrund vorbereitet. Bei manchen introvertierten oder körperlich unsicheren Pferden empfiehlt sich als Zwischenschritt eine Weichbodenmatte bevor zur Wippe übergegangen wird.

Auch hier hat sich das Training mittels positiver Verstärkung absolut bewährt! Das Wippen wird für viele Pferde zur absoluten Lieblingsübung, weil sie sich eben auch stark einbringen können und sich stolz fühlen – nicht nur aufgrund des Futterlobs, aber natürlich ist auch das von Vorteil 😉

Etwas, worauf beim Wippentraining unbedingt zu achten ist, ist die Standsicherheit, die Rutschfestigkeit der Oberfläche und natürlich die stabile Bauweise.  Die Größe der wippenden Tiere, die Mobilität und die Aufbewahrungsmöglichkeit sind weitere Gedanke, die man sich vor der Anschaffung eines solchen Geräts machen sollte.

2. „Füße sortieren“ – Koordination bewusst schulen

Es muss nicht immer nur klassische Cavalettiarbeit sein. Ein einseitig erhöhter Stangen-Fächer, das Tellington-Labyrinth oder ein wildes Dualgassen-Mikado helfen, die Trittsicherheit und Koordination zu verbessern. Schon eine einzelne Stange kann Bewegungsabläufe deutlich verfeinern wobei es nicht nur ums Drübersteigen geht sondern vor allem um die vielen Wechsel und Kombinationen zwischen Stand und Bewegung, langsam und zügig, Spannung und Loslassen.

Bereits das Überschreiten einer einzelnen Stange kann die Koordinationsfähigkeit massiv fördern – zum Beispiel bei der Übung „Füße sortieren“. Hierbei geht es darum, das Pferd zunächst über der Stange anzuhalten und wieder antreten zu lassen. Mit der Zeit kann das Rückwärts und Vorwärts sortieren einzelner Beine über der Stange erarbeitet werden. Wichtig zum Erlernen ist eine gewisse entspannte Grundhaltung. Sollte dies bereits gut klappen, kann die Stange einseitig oder auch beidseitig leicht erhöht werden.

3. Instabilität als Werkzeug: Balance Pads & Matten

Wer schonmal selbst physiotherapeutisches Training machen durfte, weiß: instabile Untergründe wie Balance Pads, Weichbodenmatten oder andere nachgebende Elemente sind wertvolle Werkzeuge, um die Körperwahrnehmung und Koordinationsfähigkeit gezielt zu schulen. Schon kurze Sequenzen des bewussten Stehens oder ruhigen Übersteigens fordern das neuromuskuläre System und aktivieren tieferliegende, skelettnahe Muskelketten, die im klassischen Training oft wenig angesprochen werden. Dabei geht es nicht um „mehr Wackeln“, sondern um feine Anpassungsreaktionen, Selbstorganisation und Stabilität.

Für den Einsatz mit dem Pferd ist auch hier ein kleinschrittiger Aufbau wichtig: Klarheit, Ruhe und ausreichend Pausen, denn die Effekte werden oft unterschätzt. Wenige Momente reichen oft vollkommen aus, um einen wertvollen Impuls zu setzen. Gerade im Winter, wenn große Bewegungsräume fehlen, lassen sich Pads und Matten sinnvoll einsetzen, um die Tiefenmuskulatur, Balance oder Koordinationsfähigkeit zu fördern, ohne den Körper zu überfordern.

Die Einsatzmöglichkeiten und Vorlieben sind hierbei sehr individuell, bleibe daher stets im Dialog mit deinem Pferd und gehe es achtsam an.

Zum Starten kannst du eine ausgemusterte Schaumstoffmatratze nutzen oder dir simple Balancepads aus Sport- oder Fachhandel besorgen.  Auch eine Kinderspielmatte eines großen Möbelhauses erfreut sich großer Beliebtheit beim Einsatz als instabiler und faltbarer Untergrund. Je fester und größer das Material, desto leichter ist es für viele Pferde zu Beginn. Je weicher, desto instabiler und wackeliger wird es, was unsichere Tiere abschrecken oder körperlich beeinträchtigte Tiere rasch erschöpfen kann.

Typische Fehler vermeiden

  • zu lange Einheiten
  • zu viele Reize auf einmal
  • fehlende Pausen
  • kein klares Trainingsziel

Gerade im Winter gilt: Weniger ist oft mehr.

Nachhaltig durch die dunkle Jahreszeit

Unsere Pferde müssen im Winter nicht den höchsten Fitnesslevel halten, sondern gesund begleitet werden. 20 Minuten bewusste, qualitative Arbeit reichen da oft vollkommen aus.

Der Winter ist eine Zeit für:

  • Grundlagenarbeit
  • Wahrnehmung
  • kleine Fortschritte
  • echte Verbindung

Zum Abschluss

Gutes Training ist nicht wetterabhängig, sondern eine Frage von Haltung, Herz und Verständnis.
Der Winter lädt uns ein, die Beziehung zu unserem Pferd zu vertiefen – nicht durch Leistung, sondern durch Achtsamkeit und Ehrlichkeit. Wenn du dir Begleitung wünschst, geh diesen Weg nicht allein.

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