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Versteckte Hufrehe-Gefahr: Was der Oral Sugar Test zeigt (und das Standard-Blutbild übersieht)

Dein Bauchgefühl sagt dir: Irgendwas stimmt da nicht bei deinem Pferd, es hat verdächtige Fettpölster am Mähnenkamm entwickelt oder ist plötzlich fühliger als sonst. Du holst die Tierarztpraxis für ein Blutbild, die Ergebnisse kommen zurück – und alles scheint im „grünen Bereich“ zu sein. Auf dem Papier ist dein Pferd gesund.

Trotzdem lässt dich die Sorge vor Hufrehe nicht los. Und das völlig zurecht! Denn wir wissen heute: Die klassische, einfache Blutabnahme ist oft nicht aussagekräftig genug, um eine Insulinresistenz (bzw. Insulindysregulation) rechtzeitig zu erkennen.

Deshalb schauen wir uns heute an, warum der Oral Sugar Test (OST) – also ein dynamischer Zuckertest – laut weltweiten Fachleuten der Goldstandard ist, um die Hufrehe-Gefahr sicher zu bemessen, so dass du rechtzeitig die Notbremse ziehen und dein Pferd vor Hufrehe bewahren kannst.

Die Tücke der Momentaufnahme

In unserem Blogbeitrag zur EMS-Blutdiagnostik haben wir bereits erklärt, dass der einfache Insulin- und Glukosewert im Blutbild nur ein “Schnappschuss” ist. Er zeigt uns lediglich, wie viel Insulin in genau diesem einen Moment im Blut zirkulierte.

Das Problem dabei: Bei vielen Pferden mit Equinem Metabolischen Syndrom (EMS) ist dieser Basiswert (das sogenannte Basalinsulin) in Ruhephasen noch unauffällig. Die Krankheit ist noch nicht so weit fortgeschritten, dass der Körper dauerhaft zu viel Insulin produziert. Die echte Gefahr schlummert im Verborgenen und zeigt sich erst, wenn das Pferd tatsächlich Zucker aufnimmt – zum Beispiel beim Weidegang.

Der Oral Sugar Test: Die Realität simulieren

Genau hier kommt der Oral Sugar Test (OST) ins Spiel. Die Equine Endocrinology Group (EEG) – das ist quasi der weltweite Expertenrat für Stoffwechsel-Themen beim Pferd – empfiehlt dynamische Tests wie den OST ganz klar als Goldstandard (Details dazu in den PDF-Leitlinien der EEG).

Warum? Weil wir damit nicht den Ruhezustand messen, sondern die echte Stoffwechsel-Reaktion des Pferdes provozieren. Bei Pferden mit einer Insulinresistenz reagiert der Körper völlig übertrieben und schüttet eine massive Menge an Insulin aus. Und genau diese Insulinspitzen („Insulin-Spikes“) im Blut (Hyperinsulinämie) sind es, die die gefürchtete Hufrehe auslösen.

Der OST ahmt genau diesen Prozess nach.

So läuft der Oral Sugar Test in der Praxis ab

Der Karo-Light-Syrup®-Test mit Insulin-Bestimmung – eine Tierärztin erklärt:

Der Ablauf eines Oral Sugar Test ist eigentlich ganz simpel und lässt sich gut im Stallalltag integrieren:

  1. Vorbereitung: Dein Pferd ist komplett nüchtern: 3 bis 6 Stunden vor der Blutabnahme darf es auch kein Heu mehr fressen.
  2. Die Tierärztin/ der Tierarzt kommt und nimmt zunächst in einer ersten Blutabnahme die Probe für das Nüchterninsulin.
  3. Dann bekommt das Pferd eine exakt berechnete Menge an einer Zuckerlösung (Karo-Light-Syrup®) direkt ins Maul. Das schmeckt den Pferden meistens sehr gut.
  1. Nach einer Wartezeit von 60 Minuten wird noch einmal Blut abgenommen
  2. Beide Proben werden zeitnah abzentrifugiert, gekühlt und ins Labor geschickt.
  3. Einige Tage später bekommen wir die Analyseergebnisse und sehen schwarz auf weiß, wie der Körper wirklich auf Zucker reagiert.

Was tun, wenn der OST positiv ist?

Ein auffälliger OST ist erst mal ein Schock, aber er gibt dir die wertvolle Chance, rechtzeitig einzugreifen! Hufrehe ist keine reine Hufkrankheit, sondern die Folge eines nicht richtig gemanagten Stoffwechseltyps und damit ein Thema, das wir hauptsächlich im Futtertrog und über Management lösen müssen.

Unsere wichtigsten Tipps für den Alltag

Zucker reduzieren: Du musst wissen, wie viel Zucker durch welches Futtermittel in dein Pferd kommt – sowohl durch das, von dem es “nur ab und zu eine Handvoll” bekommt (wie z.B. die Leckerlis für eine Runde Zirkuslektionen oder den gelegentlichen Apfel zum Abschied), als auch durch das Grundnahrungsmittel: Du musst wissen, wie viel Zucker in deinem Heu steckt. Und um das herauszufinden, muss eine Heuanalyse her. Heu zu waschen ist oft eine gute Erste-Hilfe-Maßnahme.

Bewegung: Sofern keine akute Hufrehe und keine Schmerzen vorliegen, ist angepasste Bewegung der beste Weg, um die Zellen wieder empfindlicher für Insulin zu machen. Aber wir meinen damit leider nicht das gemütliche Schrittreiten am langen Zügel. Das European College of Equine Internal Medicine (ECEIM) hat dazu sehr konkrete, wissenschaftliche Empfehlungen herausgegeben, an denen wir uns orientieren können:

  • Hat dein Pferd eine Insulindysregulation, aber (noch) keine Hufrehe, lautet die Devise: Mindestens 5x pro Woche für über 30 Minuten ran an den Muskelaufbau! Und zwar bei einer mittleren Intensität. Das bedeutet in der Praxis: ordentlich vorwärts, inklusive Galopparbeit (ein Puls von 130 bis 170 Schlägen pro Minute ist hier das Ziel). Dein Pferd darf und soll dabei ruhig ins Schnaufen kommen.
  • Achtung: im akuten Hufreheschub ist Bewegung Tabu! Wenn dein Pferd gerade in einem akuten Reheschub steckt oder die Lamellenverbindung von Hufkapsel zu Hufbein (Hufbeinträger) noch instabil ist, soll es nicht aktiv bewegt werden. Jedes Training muss zudem langsam und an die aktuelle Fitness deines Pferdes angepasst aufgebaut werden. Beobachte das Gangbild deines Pferdes dabei immer ganz genau.

Quelle: Durham AE, Frank N, McGowan CM, et al. ECEIM consensus statement on equine metabolic syndrome. J Vet Intern Med. 2019; 33: 335–349.

🐴 Aus unserem Stall-Alltag: Pferdewissen anwenden!

Ich heiße Aleks und bin Hufbearbeiterin im Akademie-Team. Durch meinen Job bin ich bezüglich Hufrehe sehr sensibilisiert und möchte eine Erkrankung für mein Pferd um jeden Preis vermeiden. Leider ist das Risiko bei meinem leichtfuttrigen Isländer rassetypisch etwas verschärft. Er steht in einem Diätstall und ist sehr schlank. Aber: bei Gewichtszunahme neigt er zu den klassischen „EMS-Fettpölstern“.

Lassen wir sein Insulin mit einer normalen Blutabnahme checken, sind die Werte „nur“ im oberen Graubereich. Auf dem Papier sieht das „eh okay“ aus. Aber gerade jetzt vor der Hufrehe-Hochsaison ist mir ein „Vielleicht“ zu gefährlich!

Und deswegen war für mich klar: ein Oral Sugar Test (OST) muss her. Natürlich ist dieser einiges teurer als eine einfache Blutabnahme – aber im Vergleich zu den Kosten für einen Hufreheschub zahlt es sich sowas von aus! Und siehe da: Beim OST schlagen die Werte bei meinem Pferd ganz eindeutig aus: positiv auf Insulindysregulation!

Ja, es ist verdammt unbequem, das hohe Hufrehe-Risiko so schwarz auf weiß zu haben. Denn ich weiß: ohne gezielte Maßnahmen wird es mittelfristig nicht gutgehen! Ich muss also etwas tun, um mein Pferd gesund zu erhalten.

Der Diätstall als Haltungsform ist sowieso schon perfekt, Haltung alleine reicht aber leider nicht. Auch ich als Besitzerin bin gefragt. Und das heißt vor allem: sehr viel Bewegung, um die Insulinreaktion möglichst in Richtung “grünen Bereich” zu bringen. 

Wenn dein Bauchgefühl dich warnt: frag in der Tierarztpraxis nach diesem dynamischen Insulin-Test. (Im deutschsprachigen Raum wird der Test noch nicht von allen Tierärzt*innen angeboten, es kann also sein, dass du hierfür eine*n Spezialist*in für Hufrehe anfragen musst.)

Lass dich nicht von einer unauffälligen Momentaufnahme in falscher Sicherheit wiegen. Wir finden: Vorbeugen kann mühsam erscheinen, aber es ist soooo viel leichter (und weniger kostspielig!) als das Leid einer akuten Hufrehe zu behandeln!

Du möchtest noch tiefer in die Materie eintauchen und lernen, wie du die Hufe deines Pferdes optimal unterstützen und eine Hufrehe verhindern kannst? Dann schau dir doch mal unseren Online-Kurs „Hufe gesund füttern“ und unser Webinar „Albtraum Hufrehe“ an. 💛

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