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Insulinresistenz beim Pferd im Blutbild erkennen — EMS, Frühmarker & Hufrehe-Risiko

Um das Equine Metabolische Syndrom (EMS) festzustellen, wird als scheinbar objektive Diagnostik oft ein Blutbild gemacht. Leider werden beim Thema Insulinresistanz Befunde oft nicht richtig eingeschätzt. Viele Pferde bekommen ein augenscheinlich unauffälliges Ergebnis zurück, obwohl sie tatsächlich bereits insulinresistent sind und ein hohes Hufrehe-Risiko haben. Standardwerte der Labore greifen nämlich oft zu spät, und auch bei der Blutabnahme selbst kann einiges schief laufen. In diesem Artikel erfährst du, welche Blutparameter wirklich aussagekräftig sind, was beim EMS-Blutbild oft falsch gemacht wird, und warum du dich nicht allein auf die Aussage „alles im Referenzbereich“ verlassen solltest.

EMS und Insulinresistenz – was steckt dahinter?

Das Equine Metabolische Syndrom (EMS) ist eine Stoffwechselbesonderheit, die in unserer modernen Freizeitpferdewelt weit verbreitet ist. Charakteristisch sind spezifische Fettdepots an bestimmten Körperregionen, die hormonaktiv werden und zu Insulinresistenz beitragen können. EMS wird häufig als bloße „Moppeligkeit“ abgetan, ist aber ein krankhafter Zustand, der aufgrund des Einflusses auf den Insulinspiegel ein enorm hohes Risiko für Hufrehe mit sich bringt. Rund 90 % aller Hufrehefälle werden durch einen zu hohen Insulinspiegel ausgelöst.

Typische Fettdepts, auf die du achten solltest:

  • am Mähnenkamm (siehe auch Cresty Neck Score = CNS)
  • an der Schulter bzw. hinter dem Schulterblatt
  • in der Lendengegend
  • am Schweifansatz (links und rechts davon)
  • oberhalb der Augen
  • rund um den Schlauch oder das Euter herum

Wir haben hier für dich auf YouTube eine eigene Playlist erstellt: korrekte Gewichtseinschätzung deines Pferdes anhand von zahlreichen Beispiel verschiedener Rassen

In der wissenschaftlichen Literatur wird zunehmend der Begriff Insulindysregulation als Oberbegriff verwendet, der sowohl die klassische periphere Insulinresistenz (Zellen reagieren nicht mehr auf Insulin) als auch eine überschießende Insulinausschüttung nach Zuckerzufuhr umfasst. Beide Formen erhöhen das Hufrehe-Risiko. Wichtig: Auch PPID (Equines Cushing) kann zu Insulindysregulation und damit zu Hufrehe führen. Die Abgrenzung zu EMS ist daher Teil einer vollständigen Diagnose.

Insulinresistenz im Blutbild erkennen — welche Werte zählen?

Besonders relevant für die Diagnose von EMS und Insulinresistenz sind die Werte für Insulin und Glukose.

Glukose zeigt an, wie viel Zucker gerade im Blut zirkuliert. Der Wert steigt, sobald Zucker aus der Nahrung ins Blut abgegeben wird. Auch Stärke wird im Verdauungstrakt zu Zucker umgewandelt. Der Glukose-Blutwert ist daher stark abhängig davon, was das Pferd vor der Blutabnahme gefressen hat.

Insulin ist das Hormon, das Zucker aus dem Blut in die Körperzellen schleust, wie ein Schlüssel, der die Zellen öffnet. Bei einer Insulinresistenz reagieren die Zellen weniger empfindlich auf diesen Schlüssel. Der Körper produziert daraufhin immer mehr Insulin, um den Zucker trotzdem loszuwerden. Dieser dauerhaft erhöhte Insulinspiegel im Blut, die sogenannte Hyperinsulinämie, ist der entscheidende Risikofaktor für Hufrehe.

Aktuell gelten laut den meisten Laboren folgende Referenzwerte (bei heunüchterner Fütterung):

  • Glukose: 63–101 mg/dL bzw. 3,49–5,6 mmol/l (je nach Labor unterschiedlich)
  • Insulin: < 20 µU/ml

Diese Werte werden laufend nach unten korrigiert. Aktuelle Studien deuten darauf hin, dass ein normaler Insulinlevel bei heunüchterner Fütterung eher bei 10 µU/ml liegt, nicht bei 20 µU/ml.¹ ² Liegt dein Pferd an der oberen Grenze der Laborreferenz, ist das also bereits ein Warnsignal.

Präanalytik: Was bei der Blutabnahme oft schiefläuft

Selbst wenn alle Werte innerhalb der Referenz liegen, kann das Ergebnis falsch sein: Nämlich dann, wenn schon bei der Blutabnahme Fehler passiert sind. Das ist leider häufig der Fall.

Das Pferd muss „heunüchtern“ sein. Das bedeutet: 24 Stunden vor der Blutabnahme ausschließlich zuckerarmes Heu, sonst gar nichts. Nicht komplett nüchtern – das ist ein verbreiteter Fehler. Bei komplett nüchterner Abnahme gelten deutlich niedrigere Referenzwerte; der Insulinwert läge dann bei max. 5,2 µU/ml.¹

Spezielle Röhrchen für Glukose. Glukose muss in Röhrchen mit Natrium-Fluorid/Natrium-Oxalat-Beschichtung gelagert werden.

Rasche Verarbeitung. Die Proben müssen zügig abzentrifugiert und gekühlt ins Labor gebracht werden. Passiert das nicht, bauen sich Insulin und Glukose in der Probe ab. Die Werte erscheinen dann niedriger als sie tatsächlich sind.

Falls du nicht weißt, wie zuckerarm dein Heu wirklich ist: Im Zweifelsfall das Heu vor der Blutabnahme wässern, um den Zuckergehalt zu senken. Besser noch: eine Heuanalyse in Auftrag geben, das ist bei einem hufrehegefährdeten Pferd ohnehin unverzichtbar.

Albtraum Hufrehe

Webinar-Aufzeichnung

Risiko richtig einschätzen & erste Anzeichen rechtzeitig erkennen

Frühmarker G:I, RISQI und MIRG

Aber auch wenn die Blutabnahme korrekt durchgeführt wurde und die Ergebnisse innerhalb der angegebenen Referenzwerte liegen, heißt das leider noch nicht, dass das Pferd tatsächlich keine Insulinresistenz hat. Denn: die Werte liegen häufig erst dann über den Maximalwerten der Labore, wenn die Insulinresistenz bereits weit fortgeschritten ist. Man kann aus den beiden Einzelwerten aber drei weitere Werte berechnen, die als Früherkennung dienen: G:I, MIRG, RISQI1. Manche Laboren berechnen diese Werte bereits automatisch mit und werten diese aus, aber nicht alle. Alternativ kannst du diese Werte selbst händisch berechnen oder im EMS-Rechner der ECIR-Group eingeben (Achtung, du musst dabei die richtigen Einheiten auswählen!). Wir sehen uns diese Werte hier noch etwas genauer an und verwenden als Grenzwerte die Studien-Interpretationen der ECIR-Group2:

G:I (Glucose-Insulin-Verhältnis)

Wenn man den Glukosewert durch den Insulinwert dividiert, erhält man den G:I. Das Ergebnis kann man folgendermaßen einteilen (Einheiten mU/L und mg/dL):

  • bei einem Wert >10 liegt keine akute Insulinresistenz vor (= Normalwert beim gesunden Pferd)
  • zwischen 4,5 und 10 ist die Insulinresistenz kompensiert
  • <4,5 liegt eine akute Insulinresistenz bzw. EMS vor und es besteht ein hohes Hufreherisiko

Achtung: manche Labore bzw. Analysen geben die Werte genau anders herum gereiht an, also I:G (Insulin-Glukose-Verhältnis)! In diesem Fall gelten natürlich andere Referenzwerte – schau also genau, ob „G:I“ oder „I:G“ angegeben ist (oder berechne es einfach selbst 😉).

RISQI (reciprocal inverse square of insulin)

Der RISQI kann als Messwert für Insulinsensitivität gesehen werden und berechnet sich rein aus dem Insulinwert (reziproke Quadratwurzel des Insulinwerts).

  • Höher als 0,32: normal
  • 0,22-0,32: kompensierte Insulinresistenz
  • Niedriger als 0,22: akute Insulinresistenz, besonders hohes Hufrehe-Risiko!

MIRG (Modified Insulin-to-Glucose Ratio)

Beim MIRG werden Glukose und Insulin über folgende Formel in ein Verhältnis zueinander gesetzt:

MIRG = [800 – 0.30 × (INS -50)2]/(GLU – 30)

  • Niedriger als 5,6: normal
  • Höher als 5,6: Insulinresistenz, hohes Hufrehe-Risiko

Der MIRG-Wert kann auch dann erhöht sein, wenn die anderen beiden Frühmarker (G:I und RISQI) noch nicht „anschlagen“ und würde dann eher daraufhin deuten, dass das Pferd bereits von einer Insulinresistenz in eine Diabeteserkrankung gerutscht ist.

Dynamische Tests – Wenn das Standard-Blutbild nicht reicht

Falls die einfachen Tests für Insulin und Glukose korrekt durchgeführt wurden und negativ sind (d.h. innerhalb der normalen Labor-Referenzen sind), dann heißt es leider noch nicht, dass dein Pferd nicht unter EMS leidet oder insulinresistent ist. In diesen Fällen sollten dynamische Tests durchgeführt werden:

Beim sogenannten „Glukosetoleranztest“ (GTT) bzw. „oralen Glukosetest“ (OGT) oder „Oral Sugar Test“ (OST) wird zuerst eine Blutprobe genommen, um den aktuellen Insulinwert zu bestimmen. Danach verabreicht der Tierarzt deinem Pferd eine Zuckerlösung und nimmt nach einem bestimmten Zeitraum (meist 2 Stunden) eine zweite Blutprobe. Am Ende werden die Insulinwerte aus der ersten und zweiten Probe verglichen und berechnet, wie stark der Insulinspiegel im Blut aufgrund der verabreichten Menge an Zuckerlösung angestiegen ist. Der Glukosetoleranztest gibt also an, ob das Pferd bei Zuckerzufuhr eine angemessene Menge an Insulin produziert. Mehr zu diesem Test erfährst du in unserem Blog-Beitrag über den oralen Glukosetest.

Ähnlich funktioniert auch der „Insulintoleranztest“ (ITT). Dabei verabreicht der Tierarzt jedoch nicht oral Glukose, sondern injiziert Insulin. Am Ende wird daher nicht der Insulinspiegel in den beiden Blutproben verglichen, sondern der Glukosewert. Wenn der Glukosewert in der zweiten Blutprobe deutlich niedriger ist, reagiert der Körper korrekt auf das Insulin (die Zellen konnten den Zucker korrekt aufnehmen und ist daher ist der Glukosewert im Blut niedriger). Falls der Blutzuckerwert jedoch nicht deutlich abgesunken ist, reagieren die Zellen offenbar nicht mehr so gut auf das Insulin und konnten den Zucker nicht in ausreichender Menge aufnehmen. Das Pferd ist also eindeutig insulinresistent.

Ein praktisches Beispiel für korrekte Blutbild-Interpretation in Bezug auf Hufreherisiko

Als Pferdebesitzer*in denkst du dir jetzt vielleicht: warum zur Hölle sollte ich das alles wissen müssen?! Dafür gibt es schließlich Profis, nämlich Tierärzte und Labore. Die Krux an der Sache ist aber leider, dass nicht alle Tierärzt*innen auch automatisch Spezialist*innen für dieses Thema sind und auch Labore ihre Auswertungen nur mit großer Verzögerung an aktuellste wissenschaftliche Erkenntnisse anpassen. Wir wollen dir daher nachfolgend ein Fallbeispiel vorstellen, das verdeutlicht, wie wichtig es ist, sich nicht alleine auf die absoluten Werte und Referenzen zu verlassen, sondern weiter zu „forschen“:

Stute mit jahrelangem Hufrehegeschehen

Im nachfolgenden Screenshot siehst du die gemessenen Blutwerte:

Die Besitzerin und Tierärztin hatten sich bereits gefreut, da die Werte bereits deutlich besser als bei der letzten Kontrolle waren und Insulin und Glukose zudem in der Referenz waren:

  • Glucose: 81 (63 – 101 mg/dL)
  • Insulin: 19 (0 – 20 mU/l)

(Hinweis: Triglyceride werden auch von Insulin beeinflusst und sind deshalb bei einer Insulinresistenz oftmals ebenfalls erhöht, weshalb sie im EMS-Profil vieler Labore inkludiert sind. Aber: sie sind eben nicht immer auffällig! Ein erhöhter Triglycerid-Wert kann daher ein zusätzlicher Indikator für eine Insulinresistenz sein, aber ist alleine genommen nicht aussagekräftig genug. Im hier vorliegenden Beispiel verstärkt der erhöhte Wert jedoch den dringenden Verdacht, dass etwas „nicht in Ordnung“ ist.)

Das Pferd lief zwar besser, aber weiterhin nicht gut, und es war auch noch kein stabiler Nachwuchs an den Hufrehehufen erkennbar.

Frühmarker geben Aufschluss über Insulinresistenz und Hufrehe-Risiko

Wenn wir aus den beiden Werten für Glucose und Insulin nun aber die Frühmarker errechnen, ergibt sich (neben den erhöhten Triglyceriden) ein sehr deutliches Bild:

  • G:I: 4,26
  • RISQI: 0,23
  • MIRG: 10

Du erinnerst dich an die obenstehende Tabelle? (Sehr) hohes Hufreherisiko besteht ab folgenden Grenzwerten:

  • G:I kleiner als 4,5
  • RISQI niedriger als 0,32
  • MIRG höher als 5,6

Damit schlagen alle Frühmarker-Werte deutlich aus, obwohl das Blutbild in der Laborauswertung eigentlich „in Ordnung“ anzeigt. Und solche Ergebnisse kommen uns im Alltag leider sehr häufig unter – als Pferdebesitzer*in ist man nun mal kein(e) Internist*in und verlässt sich daher auf den Tierarzt und das Labor. Und da heißt es dann sehr häufig „sieht gut aus, alles in der Referenz“.

Wir wollen dich daher motivieren, eigenverantwortlich zu handeln. Nur weil das einfache Standard-Blutbild kein EMS/Insulinresistenz anzeigt, heißt das leider noch lange nicht, dass dein Pferd sie nicht trotzdem hat (und damit einhergehend ein sehr hohes Hufreherisiko!). Wenn dein Pferd daher EMS-Auffälligkeiten zeigt (Fettdepots auch nur an einzelnen Körperstellen) und eventuell mit Hufproblemen zu kämpfen hat (Fühligkeit, Wendeschmerz, dünne Sohle, Ringe in der Hufwand, Hufrehe etc.), dann hinterfrage die Labordiagnostik (vielleicht ist ja auch schon bei der Probenentnahme etwas schief gelaufen?) und führe weitere Auswertungen bzw. dynamische Bluttests durch. Dein Pferd wird es dir danken!

Fazit: das solltest du bei der Blutbildinterpretation für EMS, Insulinresistenz und Hufreherisiko beachten

Die korrekte Blutbildinterpretation klingt furchtbar mühsam, aber wenn du folgende Punkte beachtest, dann ist es gar nicht so schwer:

  • dein Pferd muss bei der Blutabnahme „heunüchtern“ sein (d.h. 24h vor der Probenentnahme nur zuckerarmes Heu fressen, sonst gar nichts)
  • der Tierarzt muss spezielle Röhrchen für Glukose verwenden
  • die Blutproben müssen zügig abzentrifugiert und gekühlt ins Labor geschickt werden
  • die Referenzwerte für Glukose und Insulin werden laufend nach unten korrigiert – wenn dein Pferd also an der oberen Grenze liegt, ist das eigentlich schon zu hoch
  • der Wert für Triglyceride kann ein zusätzlicher Indikator für Insulinresistenz sein
  • wenn dein Pferd noch innerhalb der Referenzwerte für Glukose und Insulin liegt, kann es trotzdem EMS haben und insulinresistent sein
  • berechne G:I, MIRG und RISQI – wenn auch nur einer dieser Werte auffällig ist, dann ist dein Pferd einem hohen Hufreherisiko ausgesetzt
  • wenn die Einzelwerte im Blutbild unauffällig sind und dein Pferd trotzdem Probleme hat oder Auffälligkeiten zeigt, musst du zusätzlich dynamische Bluttests anfordern (Glukose- und Insulintoleranztests)
  • verlasse dich nicht auf die Aussage vom Labor/Tierarzt, dass das Blutbild „in Ordnung“ aussieht – schau dir die Werte selbst an und verwende den EMS-Rechner der ECIR-Group: https://www.ecirhorse.org/EMS-calculator.php

Quellen

  1. Treiber KH, Kronfeld DS, Hess TM, Boston RC, Harris PA. Use of proxies and reference quintiles obtained from minimal model analysis for determination of insulin sensitivity and pancreatic beta-cell responsiveness in horses AJVR, Vol 66, No. 12, December 2005 ↩︎
  2. Treiber KH, Kronfeld DS, Hess TM, Byrd BM, Splan RK, Staniar WB. Evaluation of genetic and metabolic predispositions and nutritional risk factors for pasture-associated laminitis in ponies. J Am Vet Med Assoc. 2006 May 15;228(10):1538-45. ​
    Treiber, K. H., Kronfeld, D. S., Hess, T. M., Boston, R. C., & Harris, P. A. (2005). Use of proxies and reference quintiles obtained from minimal model analysis for determination of insulin sensitivity and pancreatic beta-cell responsiveness in horses. American journal of veterinary research, 66(12), 2114-2121.​
    Kellon EM. Diagnosis of insulin resistance and PPID. Proceedings ECIR Group Inc., 2013 NO Lamintis! Conference.​
    ECIR: Recognizing and Treating Equine Cushing’s Disease and Metabolic Disorder  https://www.ecirhorse.org/assets/documents/ECIR-Brochure.pdf↩︎

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